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Der Uhrenhersteller A. Lange & Söhne
Während der glanzvollsten Epoche Sachsens, eingeleitet durch die Regentschaft August des Starken, entwickelte sich Dresden zu einer Metropole der Künste und der Wissenschaften. Besonderer Beachtung und Förderung erfreute sich dabei das Uhrmacherhandwerk, denn das Wissen um die exakte Uhrzeit wurde zur Grundvoraussetzung für die Koordinierung höfischer Veranstaltungen und Feste.
Auch der 1785 geborene J. C. Friedrich Gutkaes hatte den Beruf des Uhrmachers erlernt. Er führte eine renommierte Kunstuhrenfabrikation in der Dresdner Schlossgasse, wo er die erlauchtesten Kreise mit feinsten Präzisionsuhren belieferte. Als hochangesehener Meister seines Faches wurde er 1831 zum "Mechanicus" der königlichen Uhrenkollektion im Dresdner Zwinger ernannt. In diesem Amt hatte er auch die Turmuhr des Stadtschlosses zu betreuen, welche den Tagesablauf des sächsischen Hofes bestimmte.
Als sein größtes Werk gilt die digital anzeigende Fünf-Minuten-Uhr, die er 1841 für die Semper-Oper in Dresden fertigte. Doch den Ruhm dafür muss er sich mit einem Mann teilen, dessen Geschichte im nächsten Kapitel beginnt.
Adolph Lange wurde am 18. Februar 1815 in Dresden geboren. Nach der Scheidung seiner Eltern nahm ihn eine befreundete Kaufmannsfamilie auf und ermöglichte dem intelligenten Jungen eine fundierte Ausbildung. Als 15-Jähriger, noch während er die polytechnische Schule in Dresden besuchte, begann er seine Uhrmacher-Ausbildung bei J. C. Friedrich Gutkaes.
1835 schloss Adolph Lange seine Lehre mit Auszeichnung ab, blieb zwei Jahre als Geselle bei Gutkaes und ging daraufhin auf Wanderschaft zu den angesehensten Chronometermachern Europas. Die dabei gesammelten Erkenntnisse hielt er in seinem berühmten Skizzen- und Wanderbuch fest, das heute zu den wohl wertvollsten Vermächtnissen deutscher Uhrenliteratur zählt. Mit einer Fülle neuer Ideen kehrte er 1841 nach Dresden zurück, wurde Teilhaber und Motor in Gutkaes´ Kunstuhrenfabrikation und baute gemeinsam mit ihm die berühmte Fünf-Minuten-Uhr der Semper-Oper in Dresden.
Aus dieser Zeit stammt auch ein Dankesbrief des russischen Großfürsten Michael. In diesem würdigt er die komplizierte Taschenuhr, die ihm Adolph Lange gefertigt hatte, und fügt als Beweis seiner Zufriedenheit eine kostbare Brillantnadel bei.
Neben seinem Talent zu uhrmacherischer Perfektion besaß Adolph Lange eine ungewöhnlich hohes soziales Empfinden. So veranlasste ihn die wachsende Not im Erzgebirge zum Handeln: 1845 gab er seine privilegierte Stellung in Dresden auf und zog mit vielen Visionen und dem Skizzen- und Wanderbuch im Gepäck in das arme Städtchen Glashütte.
Am 7. Dezember 1845 begründete Adolph Lange in Glashütte bei Dresden die sächsische Feinuhrmacherei. Hier richtete er die erste Werkstätte ein, wählte aus der völlig verarmten Bevölkerung 15 talentierte Burschen aus und begann, sie zu kunstfertigen Uhrmachern auszubilden.
Mit akribischem Fleiß und uhrmacherischer Genialität entwickelte Adolph Lange in den folgenden Jahren völlig neue Präzisionswerkzeuge und Messinstrumente - und erfand wegweisende Konstruktionen und Fertigungsmethoden. So ersetzte er den Bogen als Antrieb der Drehstühle durch Schwungräder und bewirkte damit eine deutliche qualitative Verbesserung der Drehteile. 1864 führte er aus Gründen der Uhrwerks-Stabilität die Dreiviertelplatine ein, die für Glashütter Uhren typisch wird.
Gleich zu Anfang brach er mit den etablierten, überalterten Traditionen und setzte alles daran, die Uhrmacherei von Grund auf zu reformieren. Von historischer Bedeutung war sein Wechsel vom komplizierten Pariser Linien-Maß zum metrischen System, bei dem er den Millimeter als kleinste Maßeinheit in die Uhrmacherei einführte.
1875 starb Adolph Lange im Alter von nur 60 Jahren. Er hinterließ seinen Söhnen ein hochangesehenes Unternehmen. Die Stadt Glashütte, der er 18 Jahre als Bürgermeister gedient hatte, errichtete ihm 1895 ein Denkmal. Darüber hinaus regte er viele Mitarbeiter an, eigene Spezialwerkstätten für die Steine-, Schrauben-, Räder-, Federhaus-, Unruh- und Zeigerherstellung einzurichten, und initiierte damit einen grandiosen wirtschaftlichen Aufschwung in Glashütte.
Adolph Lange hatte zwei Söhne, Richard und Emil, die das uhrmacherische Genie ihres Vaters geerbt hatten. Kurz vor seinem unerwarteten Tod übernahmen sie die technische und die kaufmännische Leitung. So erhielt die Manufaktur 1868 ihren später weltberühmten Namen A. Lange & Söhne. Die Erweiterung der Produktion und die wachsende Belegschaft erforderte die Errichtung eines neues Wohn- und Fabrikationsgebäudes, das als "Stammhaus" in die Familienchronik eingehen sollte. Durch die Gründung des deutschen Reiches 1871 entwickelte sich im ganzen Land eine prosperierende Wirtschaft. Der aufkommende Wohlstand verlangte nach Luxusgütern - auch nach komplizierten und reich geschmückten Uhren. So wurden die folgenden vierzig Jahre zu den glanzvollsten für A. Lange & Söhne.
Selbst Kaiser Wilhelm II. bestellte 1898 eine prunkvolle "A. Lange & Söhne"- Taschenuhr, die er bei einem Besuch des Osmanischen Reichs Sultan Abdul Hamid II. als Gastgeschenk überreichte. Die Uhr ist heute im Topkapi Sarayi Museum in Istanbul zu besichtigen.
1900 lud man Emil Lange als Preisrichter zur Weltausstellung nach Paris. Außer Konkurrenz stellte er hier sein "Jahrhundert-Tourbillon" mit einer Email-Miniatur der Minerva vor, das 90 Jahre später für 1,5 Millionen DM ersteigert wurde. Für seine Verdienste um die Uhrmacherei wurde ihm zwei Jahre später das Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion verliehen.
In der Geschichte der Zeitmessung finden sich viele, die die Feinuhrmacherei nach dem Prinzip von "Versuch und Irrtum" zu verbessern suchten. Doch es gab nur wenige, die auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer Zeit in ihre Überlegungen einfließen ließen. So wie Richard Lange, der erstgeborene Sohn Adolph Langes.
Zeit seines Lebens widmete er sich wissenschaftlichen Untersuchungen im Bereich der Uhrentechnik. Bis ins hohe Alter arbeitete er an zukunftsweisenden Entwicklungen, die für die Feinuhrmacherei zum Teil noch heute von entscheidender Bedeutung sind. Insgesamt 27 Patente und Gebrauchsmuster gehen auf ihn zurück.
Seine wohl größte Errungenschaft verbirgt sich hinter dem Patent Nr. 529945, das er im Jahr 1930 unter der Bezeichnung "Metalllegierung für Uhrenfedern" anmeldete. Richard Lange hatte einen Weg entdeckt, mit dem die Qualität der bisher verwendeten Legierungen für Unruh-Spiralen schlagartig verbessert werden konnte: Durch Beimischung von Beryllium ließ sich die Empfindlichkeit der Spiralen gegenüber Temperaturschwankungen und magnetischen Feldern deutlich vermindern und gleichzeitig ihre Elastizität und Härte steigern.
Richard Lange starb nur zwei Jahre nach der Patenterteilung – zu wenig Zeit, um die technische Realisierung seiner Erfindung noch selbst vornehmen zu können. Doch hat er mit seiner Entdeckung die entscheidende Grundlage für die bis heute in mechanischen Qualitätsuhren verwendete Legierung für Unruhfedern geschaffen.
Der Ausbruch des 1. Weltkrieges dezimierte den Markt für Luxusuhren merklich. Doch die Fertigung hochpräziser Marinechronometer half A. Lange & Söhne über diese schwierige Zeit hinweg. Schließlich übergab Emil Lange 1919 das Geschäft seinen Söhnen, die damit begannen, das Unternehmen zu altem Ruhm zurückzuführen.
Und erneut wurde die Euphorie durch die Weltwirtschaftskrise gedämpft. Aber der einzigartige Ruf der Lange-Taschenuhren und viele Spezialitäten im Bereich der Präzisionszeitmessung brachten Lange selbst dann noch ein Auskommen, als andere renommierte Manufakturen im In- und Ausland schon die Tore schließen mussten.
Kurz vor dem 2. Weltkrieg trat auch Walter Lange in die Fußstapfen seiner Vorväter und begann seine Ausbildung zum Uhrmacher. Am 8. Mai 1945, dem letzten Kriegstag, musste er jedoch mit ansehen, wie russische Fliegerbomben das Haupt-Fabrikationsgebäude von Lange trafen und es fast vollständig zerstörten.
Drei Jahre darauf, im April 1948, folgte die Enteignung der Firma durch das SED-Regime. Damit durfte der stolze Name, der 100 Jahre lang das Signet der wohl begehrtesten Uhren der Welt war, kein Zifferblatt mehr schmücken - A. Lange & Söhne wurde zur Legende.
Mit der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 kam Adolph Langes Urenkel Walter Lange nach Glashütte zurück, um erneut Langesche Uhrmacherkunst zu demonstrieren. Mit einer Innovationsfreude, die diesen Ort schon einmal zu Weltruhm geführt hatte. Nur vier Jahre später präsentierte er im Dresdner Schloss stolz die ersten Lange-Uhren der Neuzeit: die LANGE 1, das TOURBILLON "Pour le Mérite", die SAXONIA und die ARKADE.
Mit nützlichen mechanischen Erfindungen, wie dem patentierten Großdatum oder dem patentierten Zeigerstell-Mechanismus ZERO-RESET und meisterhaft vollendeten Uhrwerken mit Dreiviertelplatine, verschraubten Goldchatons und Schwanenhals-Feinregulierung sind die Uhren von A. Lange & Söhne heute wieder Inbegriff sächsischer Uhrmacherkunst.
